Review: Mera Luna 2017 – Sonntag


Event:

Mera Luna 2017

Ort:

Flugplatz, Hildesheim

Datum:

13.08.2017

Direkt zur Galerie springen.

Festivalbericht: M’era Luna 2017

Tag 2, Sonntag, 13.08.2017

 

Nach den Regengüssen des gestrigen Tages hatten die Mitarbeiter des M’era Lunas alle Hände voll zu tun. Es mussten erneut Unmengen an Stroh verteilt werden und Pfützen beziehungsweise kleine Seen mussten mit Schläuchen abgesaugt werden. Aber alles lief reibungslos und so strömten auch an diesem zweiten Festivaltag die ersten Besucher gegen 11 Uhr freudig auf die Bühnen zu. Zugegeben schien es um diese Uhrzeit nicht so voll zu sein, wie am Tag zuvor, aber die meisten Besucher hatten wahrscheinlich auch noch die Nacht zum Tag gemacht.

Umso besser, dass mit Johnny Deathshadow eine Band auf der Main Stage eröffnete, die es mit ihrem Industrial Gothic Metal so richtig krachen ließ. Sänger Johnny bedankte sich mit den Worten „Schön, dass ihr wach seid! Spätestens jetzt.“ und schon ging es mit den schnellen Rhythmen des melodischen „Sleeper“ weiter. Die vier Musiker mit dem aufwändigen, skelettartigem Make-Up hatten sichtlich Spaß. Mit „Kill The Lights“ endete nach fünf Songs aus ihrem Debüt-Album „Bleed With Me“ der erste Auftritt dieses Tages.

Die folgenden 30 Minuten gehörten dem Symphonic Dark Metal von Schwarzer Engel. Spannung erzeugte das Intro mit Gesang aus dem Off, bis sich Sänger und Kopf des Projekts Dave Jason dann endlich selber in seinem goldenen Brustpanzer zeigte. Sänger und Bassist forderten sogleich bei „Schwarzkunst“ das Publikum zum Mitmachen auf. Über „Himmelwärts“ und „Ritt der Toten“ spielten sich Schwarzer Engel durch ihr Programm. Zum Ende hin suchten sie noch ihre „Psycho-Pathen“, fanden letztendlich aber anscheinend ihre „Königin der Nacht“.

Nun wurde es Zeit für die internationale Band Darkhaus, die mit ihrem melodischen Dark-Alternative-Rock zu begeistern wusste. Mit „All Of Nothing“, dem ersten Track des aktuellen Albums „When Sparks Ignite“ startete der Auftritt druckvoll. Temporeich ging es weiter mit „After The Heartache“, bei dem die Menge der Aufforderung des Sängers Ken Hanlon bereitwillig nachkam und mitklatschte. Der schottische Frontmann freute sich sichtlich über bekannte Gesichter in den vorderen Reihen und auch das Publikum freute sich, bei einem der beiden einzigen Auftritte der Band in diesem Jahr dabei zu sein. „Dankeschön! You are fucking awesome!“ bedankte er sich standesgemäß. Aber nicht nur das Publikum war großartig, beeindruckend („awesome“) war es auch, Bassist Gary Meskil sechs Wochen nachdem er einem lebensbedrohlichen Raubüberfall zum Opfer gefallen war und diverse Knochenbrüche im Gesicht davongetragen hatte, auf der Bühne stehen und Background Vocals singen zu sehen. Hut ab vor so viel Stärke und Kampfgeist! Das Publikum, inzwischen aufgewärmt, tanzte unter blauem Himmel zu „Ghost“ und brachte ein beachtliches händeschwenkendes Meer zustande. Auch Eisbrecher Bassist Rupert Keplinger, hier an der Gitarre, zeigte ein zufriedenes Grinsen hinsichtlich der Resonanz der Zuhörerschaft. Mit „Breaking The Silence“ endete ein Auftritt, der wirklich Laune gemacht hat.

Weiter ging es im Anschluss mit der deutschsprachigen Band Versengold. „Hallo M’era Luna, habt ihr Bock auf ein Bisschen Party-Folk? Dann geht’s los jetzt!“ begrüßte Sänger Malte Hoyer die Menge mit leicht plattdeutschem Akzent, der die norddeutsche Herkunft der Band erahnen ließ. 2015 spielte der siebenköpfige Trupp mit Streich- und mittelalterlichen Instrumenten erstmalig auf dem M’era Luna und seitdem ging es weiter steil bergauf. Höhepunkt ihrer Karriere war der zweite Platz der offiziellen Deutschen Albumcharts mit dem aktuellen Album „Funkenflug“, das in diesem August erschienen ist. Mit viel Spielfreude spielten sie sich durch einige Songs des neuen Albums wie „Verliebt in eine Insel“ und „Haut mir kein‘ Stein“ und schlossen ihren Auftritt mit dem selbstbezeichneten Klassiker „Paules Beichtgang“ aus dem Jahre 2013, dessen Refrain das Publikum textsicher alleine sang und zum Ende der Aufforderung zum Ausrasten für die Absolution bereitwillig nachkam.

Es blieb erst einmal deutschsprachig auf der Main Stage. Der fünfte Auftritt an diesem Tag gehörte den Darkrockern von Megaherz. Mit ordentlich Power starteten die fünf passend zum Zombiemotto schwarz-weiß geschminkten Bandmitglieder mit dem gleichnamigen Titeltrack ihres letzten Full Time Players „Zombieland“, der das Herzstück dieses Auftritts bildete. Im Publikum kreisten die Köpfe und die Fäuste wurden enthusiastisch in die Höhe gereckt. Sänger Alexander „Lex“ Wohnhaas schwenkte auch zu „Fanatisch“ bedrohlich seinen Mikrohalter in Form eines Baseballschlägers. Etwas emotionaler ging es zu bei der Hymne „Glorreiche Zeiten“ und der auch für Megaherz ganz besonderen Ballade „Für immer“ zu, während „Miststück“, „Jagdzeit“ und „Himmelsstürmer“ das Publikum noch einmal richtig aus der Reserve lockten. Wer feiern und alles geben wollte, war in diesem Augenblick vor der Hauptbühne genau richtig aufgehoben. Insgesamt eine sehr gute Songauswahl für einen Festivalauftritt.

Bereits zum sechsten Mal standen The Crüxshadows, beheimatet in Florida, USA, auf der Bühne des M’era Lunas. Was diese Band zu einer gern gesehenen Live-Band auf Festivals macht ist schnell erklärt: Ihr musikalischer Mix aus Darkwave, Electro Pop und Gothic gepaart mit zwei Violinen, die zusammen mit der gut wiedererkennbaren Stimme des charismatischen Sängers einen Hauch Melancholie in die Songs bringen, regt eigentlich jeden unwillkürlich zu tanzen an oder zumindest den Fuß zu bewegen. Auch der Optik wird ausreichend geboten: Die vier sexy gekleideten Damen im aktuellen Line Up und Sänger Rogue, der dafür bekannt ist, gerne jegliche Bühnenkonstruktion bis in luftige Höhen zu erklimmen, sorgen für ausreichend Action auf der Bühne. Die Kletterpartie bekam die Menge zu dem beliebten Song „Birthday“ geboten. Die Hälfte der vorgetragenen Stücke stammen von der neuen CD „Astromythology“, die hier erst im September erscheint. Somit war den Zuschauern hiervon bislang lediglich die bereits digital erschienene Single „Helios“ bekannt. Bevor der 45-minütige Dauertanz endete, schenkten The Crüxshadows dem M’era Luna ihren größten Hit „Marilyn, My Bitterness“ und Rogue ging dabei auf Tuchfühlung mit den glücklichen Fans in den ersten Reihen.

Spätestens jetzt zu Mono Inc. war das Infield dicht gefüllt. Das Meer der Schwarzgekleideten reichte gefühlt bis zum Horizont. Ein Hinweis darauf, dass Mono Inc. diese Position in der Running Order zu Recht innehatten, immerhin erreichten ihre letzten drei regulären Alben alle Platzierungen in den Top Ten der Offiziellen Deutschen Charts. Los ging es mit zwei Songs des aktuellen Albums „Together Till the End“ und „The Banks of Eden“, die beim Publikum sehr gut ankamen. Aber spätestens als ältere Hits erklangen, war die Menge voll in ihrem Element. Es wurde geklatscht, getanzt und gejubelt. Ein wahnsinniger Anblick war es zu sehen, wie bei „Arabia“ gefühlt wirklich alle zigtausenden Besucher von vorne bis hinten im Takt mitklatschten. Zu „Symphony of Pain“ wurde die Show dann auch um Feuersäulen bereichert und bei „Children of the Dark“ sang die Menge lautstark den Refrain alleine und wollte am Ende gar nicht mehr damit aufhören. Die Party endete mit Allem, was ging: Feuer, Nebel, einer klatschenden Masse, frenetischem Applaus und nicht zu vergessen, dem Song „Get Some Sleep“.

Und schon waren es nur noch drei Bands, die an diesem M’era Luna auf der großen Bühne stehen würden. Den Anfang machten Schandmaul, die die Menge mit ihrem deutschsprachigen Folk-Rock beglücken durften. Direkt zu Beginn ihres Auftritts setzte zum ersten Mal an diesem Sonntag starker Regen rein, den auch der Song „Lichtblick“ nicht vertreiben konnte. „Wer hat denn das scheiß Wetter bestellt? […] Aber trotzdem: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht erkälten!“ versuchte Sänger Thomas Lindner die Menge aufzuheitern und gleichzeitig zum Song „Pakt“ überzuleiten. Bevor es losgehen konnte, mussten die Zuschauer sich jedoch zuerst reihenweise beim Nachbarmann unterhaken und den vorgegebenen Tanzschritt üben, damit ihnen auch „warm von innen“ wurde. Der Mann hat definitiv Entertainerqualitäten! Zum Antirassismus-Song „Bunt und nicht braun“ schüttelte der Schandmaul Vokalist massig Hände in den ersten Reihen und bei „Vogelfrei“ durfte das Publikum wieder sein Können beim Dauerspringen beweisen. Den Abschluss bereitete der traurig-schöne Song „Euch zum Geleit“. Aus ihrem aktuellen Nr. 1-Album Leuchtfeuer spielten sie zwar nur einen Song („Heute bin ich König“), bei zwanzigjähriger Bandgeschichte, die in diesem Jahr gefeiert wird, verwundert das jedoch nicht.

Auf Folk-Rock folgte sodann der deutsch- und englischsprachige Dark-Electro-Pop-Mix von Blutengel, die schon genauso lange im Geschäft sind. Theatralisch, wie man es von Blutengel-Shows auch nicht anders gewohnt ist, ging es mit dem Intro los. Christ Pohl im Priestergewand wurde von vier fackeltragenden, in schwarze Kutten gehüllte Damen auf die Bühne geleitet. Zum dritten Song „Dein Gott“ kam eine gehörnte Dame mit schwarzen Flügeln umgeben von drei Nonnen auf die Bühne. Kurzfassung: Die Nonnen zogen sich bis auf die Unterwäsche aus, zwei hielten die Dritte an der Leine und diese wurde von dem gehörten Engel mit Kunstblut übergossen. Unterhaltsam und aus Blutengelauftritten nicht wegzudenken. Inzwischen kam die Abendsonne heraus und Chris Pohl und Ulrike Goldmann sangen sich fortan durch Songs wie „Lucifer“, „Engelsblut“ und dem dancefloor-tauglichen „Say Something“ vom aktuellen Album „Leitbild“ und das Publikum klatschte, tanzte und sang gutgelaunt mit. Mit einem klatschenden Händemeer verabschiedeten die Zuschauer Blutengel während „Reich mir die Hand“.

Um 21 Uhr wurde es Zeit für das große Finale. Headliner an diesem Sonntag waren And One, die auch schon beim ersten M’era Luna im Jahr 2000 am Start waren und nun bereits zum vierten Mal hier auftreten durften. Die Band um Sänger und Kopf der Band Steve Naghavi boten erstklassigen Synthpop, zu dem das Publikum noch einmal 75 Minuten tanzen und feiern konnte, bevor das M’era Luna 2017 Geschichte werden sollte. Nach dem Auftakt mit dem Klassiker „Techno Man“ aus dem Jahr 1992 feierte der Project Pitchfork-Clubhit „Timekiller“ ein zweites Mal sein Dasein auf der Main Stage an diesem Wochenende. Die tanzende Menge freute es. Gewohnt redselig moderierte Steve Naghavi durch’s Programm und konnte sich dabei diverse Scherze über das schlechte Wetter, das die zeltenden Besucher zu ertragen hatten, nicht verkneifen. Das Publikum nahm’s gelassen und tanzte weiter zu „Get You Closer“ und „Wasted“. Sehr schön auch der Hit „Krieger“ mit einem kurzen Abstecher in Eurythmics „Sweet Dreams“. Joke Jay sang einen neuen Song, den er mit dem And One-typischen Charme und den Worten ankündigte: „Wir haben euch etwas Neues mitgebracht. Höchstwahrscheinlich werden sich einige von euch bei dem Song einpissen, weil er so schön ist!“ Über „Traumfrau“ und „Für“ versank auch so langsam das letzte Abendrot und es wurde klar, dass das Ende dieses wunderbaren Festivalwochenendes näher rückte. Passend dazu wurde Steve Naghavi während er „Sometimes“ sang etwas sentimental und auch das Publikum war sehr berührt. „Jetzt versuchen wir, diesen eingeschlafenen, müden Sauhaufen mal zum Leben zu erwecken! Ihr Säcke! Was ist los mit euch?“ versuchte er das Publikum wieder aufzuputschen und kündigte anschließend ihren ersten, geschriebenen Song an: „Und der ist genauso schlecht wie heute! Und er heißt Second Voice.“ Bei den drei Zugaben gab die Menge noch einmal alles, aber wer kann bei „Military Fashion Show“ oder „Shouts of Joy“ auch schon stillstehen? Das war ein toller Abschluss, eine großartige Songauswahl und ein gerührter Steve Naghavi, der die Fans in die Nacht entließ.

Autor: Sabine Rübben

Alle Bilder vom Sonntag gibts hier:

Galleries: Mera Luna 2017 – Sonntag